geschichte

Das Gesichtlesen ist vermutlich so alt wie die zivilisierte Menschheit selbst. Lange bevor die moderne Wissenschaft Ärzten und Heilpraktikern Diagnoseinstrumente zur Verfügung stellte, waren Menschen, die sich mit der Behandlung und Heilung von Krankheiten beschäftigten, auf andere Verfahren der Diagnose angewiesen. Auch das Ergründen des menschlichen Charakters, seiner Persönlichkeit und sogar seines Schicksals, führte Interessierte zum Gesicht als Ort, an dem Antworten zu finden sind

Einige dieser Methoden werden bis heute erfolgreich angewendet, andere sind in den Hintergrund getreten oder gar in Vergessenheit geraten. Als sicher gilt jedoch, dass die Wurzeln des Gesichtlesens bis ins zweite Jahrtausend vor Christus hineinreichen. Bereits im alten China wurde das Wissen mündlich weitergegeben. Siang Mien bedeutet in etwa „Gesichterlesen“ und nichts anderes praktizierten die Meister. Ihre teils geheim gehaltenen Kenntnisse gaben die Siang-Mien-Meister nur mündlich an ihre Schüler weiter.

Dieses uralte Wissen wirkt bis in unsere Zeit. So ist das Lesen im Gesicht des Mitmenschen in China noch heute weit verbreitet und ein fester Teil der chinesischen Medizin, aber auch der Zukunftsdeutung. Selbst der große Philosoph Konfuzius (551-479 v.Chr.) war mit der Lehre vertraut. Von ihm ist der Spruch überliefert: „Ein Kind kann nichts für sein Gesicht, jedoch ist der Erwachsene verantwortlich für seine Erscheinung!“

Neben den Chinesen waren jedoch auch die anderen Hochkulturen mit dieser Technik vertraut. Hinweise darauf finden sich besonders bei den Griechen. Einer der bedeutendsten Ärzte der Antike, Hippokrates von Kos (460-370 v.Chr.), verfasste hierzu Aufzeichnungen. Darunter beeindrucken dessen Beobachtungen über die Gesichter von Sterbenden. Die Medizin nutzt bis heute dieses Wissen und bezeichnet die entsprechenden antlitzdiagnostischen Merkmale als Facies Hippocratica. Hippokrates sah ebenso einen Zusammenhang zwischen  dem Körperbau und dem Charakter eines Menschen.

Über die Griechen wurde unser Kulturkreis bis weit ins Mittelalter hinein beeinflusst. Erst hier stießen diese mittlerweile Jahrtausende alten Kenntnisse auf Restriktionen und Ablehnung seitens strenger Glaubenswächter der Kirche. Die Inquisition  lehnte das Lesen im Gesicht als Wahrsagen und Teufelei ab. Mit dem oft gewaltsamen Tod zahlreicher Heilkundiger starb auch ein großer Teil des Wissens um die Antlitzdiagnostik.

Trotz aller Anfeindung und Verfolgung hielt sich ein Teil des Wissens bis in das Zeitalter der Entdeckungen. Der Schweizer Arzt Philippus Theophrastus Aureolus Bombastus von Hohenheim, besser bekannt als Paracelsus (1493-1541), fasste seine Kenntnisse der Natur und des Menschen in einer  neuen Heilkunde zusammen. Er schlussfolgerte, dass alles, was sich im Innern des Körpers abspielt, auch außen zu erkennen ist. Auch steht das Erscheinungsbild des Menschen im direkten Zusammenhang mit seinem Seelenfrieden.

Weitere Vertreter waren der neapolitanische Arzt Giambattista della Porta (1535-1615).  Sein Werk  „Magia naturalis“ machte ihn bereits zu  Lebzeiten berühmt. Der Universalgelehrte, der sich ebenso für Literatur, Alchemie, Kryptologie und Gartenbau interessierte, lieferte mit „De humana physiognomia“ 1586 einen wichtigen Grundstein für die weitere Entwicklung der Physiognomik und Antlitzdiagnostik.

Seine Methodik und Offenheit beeinflusste auch den Niederländer Peter Camper (1722-1789).  Der Professor der Chirurgie widmete sich in seiner Freizeit auch der Malerei, was ihn dem Studium der menschlichen Gesichtszüge nahe brachte. So versuchte er in seinen physiognomischen Studien Gesichtsformen auf Prinzipien zurückzuführen.

Der schottische Anatom Sir Charles Bell (1774-1842), der italienische Neurologe Paolo Mantegazza (1831-1910) und der Franzose Guillaume Duchenne de Boulogne (1806-1875) trieben die Forschungen in der Physiognomie weiter voran. Der zu dieser Zeit sicherlich berühmteste Arzt, der den Zusammenhang zwischen dem Gesundheitszustand seiner Patienten und deren Gesichtsausdruck beschrieb, war Christoph Wilhelm Hufeland (1762-1836). Der Direktor der renommierten Berliner Charité war zugleich der Leibarzt des deutschen Kaisers Friedrich Wilhelm III.

Vom Wissen über antlitzdiagnostische Zeichen profitierte auch Dr. Wilhelm Heinrich Schüßler (1821-1898). Seine Beobachtungen und Erkenntnisse begründeten eine eigenständige Form der Therapie. Schüßler beobachtete, dass sich der Mineralstoffbedarf eines Menschen in dessen Gesicht widerspiegelt. Therapien mit den so genannten Schüßler-Salzen haben heute zahlreiche Anhänger.

Der in Heinde geborene Carl Huter (1861-1912) machte sich durch seine Veröffentlichungen zum umstrittensten Vertreter der Physiognomik und Antlitzdiagnostik. Seine Schriften zeigen Verbindungen zwischen den Falten eines Menschen und dessen Lebenswandel und Erkrankungen auf. Auch Verfärbungen, Farbschattierungen und Glanzbildungen ließ er nicht außer Acht.

Auf Grund seines nicht akademischen Werdegangs wurde ihm die Lehrtätigkeit an Hochschulen verwehrt. Zahllose Vorträge und private Lehrgänge hatten seine Erkenntnisse auch in interessierten akademischen Kreisen dabei längst verbreitet. Bis zu seinem Tod veröffentlichte er etwa 30 umfangreiche Bücher, darunter sein in fünf Bänden zusammengefasstes Hauptwerk „Menschenkenntnis, Körperformen und Gesichtsausdruckskunde“ (1904-1906). In früheren Zeiten wurde die Antlitzdiagnostik auch als Sonnerschau bezeichnet. Noch unter Dr. Kurt Hickethier (1891-1958) fand eine langjährige Ausbildung der Sonner statt.  Die Sonnerschau sollte die Grundlage für die Erlangung von Gesundheit (Sonnenheit) bilden.

Mittlerweile sorgen auch Werke neueren Datums für Aufsehen. Große Beachtung erwarben sich beispielsweise Natale Ferronato, der Heilpraktiker Hans-Dieter Bach und der Mediziner Dr. Anton Markgraf.